Das Eigenheim – ein Traum, den wir nicht brauchen

Sicherheit, Unabhängigkeit und Status. Ein eigenes Haus zu besitzen, wer hat nicht schon einmal davon geträumt? Ich kenne einige, inklusive mich selbst. Dieser Wunsch ist verständlich, schließlich wird uns dieses Bild vom Glück von Klein auf so vermittelt. Kinder, die im Garten spielen und eine lachende Familie, die gemütlich vor einem rauchenden Kamin sitzt. Dieses Bild ist so tief in uns verankert, dass wir es gar nicht hinterfragen. Es ist so normal, dass wir uns dafür sogar gerne meist ein Leben lang verschulden. Kaum eine andere Form der Verschuldung wird so gesellschaftlich akzeptiert und normalisiert wie die Aufnahme eines Immobilienkredits.

Seit wann leben wir im eigenen Haus?

Menschen leben seit Jahrtausenden in Behausungen. Doch der eigene Hausbau als Lebensentwurf und erstrebenswertes Gut für die Masse ist ein junges Phänomen. Die Idee, dass jede und jeder ein eigenes Haus besitzen sollte, noch dazu eins, das als Statussymbol, Kapitalanlage und persönliche Festung zugleich dient, ist neu.

Früher lebten Menschen oft in Gemeinschaften und großen Familienverbänden unter einem Dach. Erst mit dem Wohlstandszuwachs nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Eigenheim im westlichen Europa und speziell in Deutschland stark propagiert. Aus den zuvor gemeinschaftlichen Strukturen oder Mietwohnungen, vor allem in Städten, vollzog sich ein Wandel hin zur abgeschiedenen Idylle: dem Einfamilienhaus.

Die Sehnsucht nach Freiheit

Sicherheit und Unabhängigkeit sind häufig genannte Gründe für den Traum nach Eigentum. Der Wunsch, nicht von der Vermieterin oder dem Vermieter und unvorhersehbaren Mieterhöhungen abhängig zu sein, treibt viele zum Hauskauf. Besonders Familien empfinden das Eigenheim als „Ankommen”. Es bietet einen Ort, an dem Kinder aufwachsen. Und es bietet Schutz vor dem zunehmend instabilen Wohnungsmarkt. Das Eigenheim bleibt. In einer Welt voller Veränderungen bietet es Stabilität.

Hinzu kommt der Aspekt der Freiheit und Autonomie. In deinem Eigenheim bist du nicht nur ungebunden und frei von Miete, du bist auch frei in der Gestaltung. Das Haus passt sich deinen Bedürfnissen an und nicht umgekehrt. Auch kann dir niemand deinen Familienhund verbieten oder sich beschweren, weil die Katzen nachts zu viel herumrennen. Du hast Lust auf neonpinke Wände und willst die alte Badewanne mit einem Whirlpool ersetzen? Kein Problem. Du hast die vollkommene Kontrolle. Als gestaltungsliebender Mensch wäre dies wahrscheinlich der größte Pluspunkt für mich an einer eigenen Immobilie. Die Freiheit, sie nach meinen Bedürfnissen und kreativen Vorstellungen individualisieren zu können.

Das Eigenheim als Schuldenfalle

Ob wir es wollen oder nicht, ein Haus ist auch ein Zeichen des Status. Es gilt in unserer Gesellschaft nach wie vor als sichtbarer Beweis dafür, „es geschafft” zu haben. Es ist der Inbegriff des Erwachsenseins und finanziellen Erfolgs. Dass der Hauskauf dabei meist mit immenser Verschuldung einhergeht, ist daran besonders ironisch.

Eine Immobilienfinanzierung ist eine Wette auf die Zukunft. Man wettet auf 30 Jahre stabile Gesundheit, stetiges Einkommen und niedrige Zinsen. Eine Scheidung, Jobverlust oder Krankheit kann diese Wette schnell platzen lassen und die Familie in eine Existenzkrise stürzen.

Auch schränken die hohen monatlichen Raten die finanzielle Flexibilität massiv ein. Ein Jobwechsel in einer weiter entfernten Stadt oder riskantere Karrierewege sind kaum möglich. Man ist an den Wohnort und die Rate gefesselt. Viele unterschätzen noch dazu die laufenden Kosten. Instandhaltung, Modernisierung, Steuern, Versicherungen und Nebenkosten werden zum Fass ohne Boden, das kontinuierlich gefüllt werden will. Und sollte es tatsächlich zu einem Versicherungsfall kommen, ist dein Haus dann wirklich abgesichert oder droht dir ein jahrelanger Rechtsstreit mit der Versicherung wie vielen Hausbesitzenden im Ahrtal?

Wohnraummangel durch Einfamilienhäuser

Das Eigenheim frisst Fläche. Freistehend, mit Garten und bitte noch einer oder zwei Garagen. Wo ein solches Haus für eine Familie steht, könnten stattdessen mehrere Wohneinheiten zahlreichen Menschen ein Zuhause bieten. Geht man von einem durchschnittlichen Einfamilienhaus aus, ließe sich auf derselben Fläche ohne Weiteres ein modernes Mehrfamilienhaus mit mindestens vier, oft sogar sechs oder mehr Wohneinheiten errichten.

Dieser ineffiziente Umgang mit wertvollem Bauland, der sich über ganze Vorstädte erstreckt, ist eine der Hauptursachen für die Verknappung und Verteuerung von Wohnraum, besonders in wachsenden Städten.

Die Problematik des Wohnraummangels wird zusätzlich verschärft durch den demografischen Wandel. Nach dem Auszug der Kinder leben oft nur noch ein oder zwei Rentner*innen in diesen großen Häusern. Diese „Überbelegung“, verschwendet enorme Wohnressourcen und die Häuser fehlen dem Gesamtmarkt. Sie tragen dazu bei, dass Familien und junge Menschen kaum noch bezahlbaren Raum finden und gleichzeitig ältere Menschen in nicht mehr altersgerechten, zu großen Häusern festhängen.

Wieso wird das Eigenheim trotzdem so normalisiert?

Warum hinterfragen wir trotz der zahlreichen Risiken und ökologischen Bedenken das Konzept des Eigenheims, insbesondere das des Einfamilienhauses, kaum?

Über lange Zeit wurde der Häuserbau durch staatliche Förderungen massiv unterstützt. Trotz Expertenmeinungen, die das Einfamilienhaus als Auslaufmodell sehen, subventioniert der Staat aktiv diesen Lebensentwurf. Für Banken, Baufirmen, die Bauindustrie und Makler*innen ist das Geschäft mit den Häusern extrem profitabel. Es liegt in ihrem Interesse, diesen Traum am Leben zu erhalten. Und sie bewerben ihn wo sie nur können.

Auch Filme, Werbung, Zeitschriften und soziale Medien zeichnen das Bild des Einfamilienhauses als ultimatives Lebensziel. Von Generation zu Generation wird das Mantra weitergegeben, sich irgendwann sein eigenes Haus zu bauen.

Und wenn wir ehrlich sind, fehlt es einfach an echten Alternativen. In vielen Regionen ist der Wohnungsmarkt angespannt und teuer. Wenn die Miete ohnehin sehr hoch ist, erscheint die monatliche Rate für das eigene Haus gar nicht mehr so abwegig, auch wenn die Gesamtverschuldung eine völlig andere Hausnummer ist.

Doch da gibt es noch einen Aspekt, der den Traum der eigenen Immobilie befeuert. Und dieser ist moralisch höchst problematisch.

Immobilien als Aktien

Es ist ein zutiefst unmoralisches Prinzip, Wohnraum zur Ware und bloßen Kapitalanlage zu degradieren. Wenn Wohnungen und Häuser wie Aktien an der Börse gehandelt werden, bedeutet das, dass der Gebrauchswert eines menschlichen Grundbedürfnisses, das Dach über dem Kopf, der Profitmaximierung untergeordnet wird.

Auch für Privatpersonen erscheint der Kauf eines Hauses als eine sichere und vernünftige Form der Altersvorsorge. Verständlich in einer Zeit, in der das Vertrauen an staatliche Rentensysteme schwindet. Doch genau hier liegt die Ironie. Das Streben nach individueller Sicherheit treibt kollektiv die Preise in die Höhe und trägt so aktiv zu einer Entwicklung bei, die für nachfolgende Generationen genau diese Sicherheit unerreichbar macht.

Wenn Millionen von Menschen ihr Erspartes in ihre Immobilie investieren in der Erwartung einer sicheren Wertsteigerung, erzeugen sie damit genau diese Wertsteigerung. Die enorme Nachfrage von Kaufinteressierenden, die eine Immobilie als Investment sehen, treibt die Preise künstlich in die Höhe, weit über den Wert hinaus, der sich rein aus den Baukosten und dem Bodenwert ableiten ließe. Ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gibt.

Warum wir den Traum vom Eigenheim nicht brauchen

Flächenfraß, ökologische Ineffizienz, wirtschaftliche Unerreichbarkeit, demografischer Wandel. Die Gründe, den Traum vom eigenen Haus aufzugeben, sind lang. Doch wir brauchen diesen Traum ohnehin nicht. Was wir brauchen, sind zukunftsfähige Alternativen.

  • Moderne Wohnprojekte: du hast deine eigene Wohnung, aber teilst dir mit anderen einen großen Garten, eine Werkstatt und ein Gästezimmer. Die Gemeinschaft wird wieder in den Mittelpunkt gerückt, aber trotzdem hast du deinen privaten Raum.
  • Genossenschaften: du wohnst, ohne dass jemand durch deine Miete reich wird. Die Mieten bleiben fair, weil niemand damit spekuliert. Stattdessen fließen sie durch den Kauf neuer Genossenschaftswohnungen oder Sanierungen direkt wieder in die Genossenschaft.
  • Mehrgenerationenhäuser: Junge und Alte leben gemeinsam unter einem Dach und unterstützen sich gegenseitig. Die Älteren passen auf die Kinder auf, die Studentin hilft bei der Technik und alle profitieren.

Alternative Wohnmodelle stellen Menschen vor Eigentum. Gemeinschaft vor Einsamkeit und Flexibilität vor Stillstand.

Die Frage sollte nicht mehr sein, wann man sich endlich das eigene Haus kauft. Die Frage sollte sein, wie man selbst leben möchte. Vielleicht ist der größte Traum ja gar nicht das Eigenheim, sondern die Freiheit sich immer wieder neu entscheiden zu können. Umziehen zu können, den Job wechseln zu können. Ohne Schulden, ohne Reue.

Was ist dein Traum vom Zuhause?

Posted in ,

Entdecke mehr von Klein aber hoch

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen