Warum der Glaube an eine gerechte Welt zu mehr Ungerechtigkeit führt

Es ist Sonntagabend. Du sitzt gemütlich bei deinen Großeltern im Wohnzimmer. Deine Oma ist in ihren Roman vertieft, dein Opa nippt an seinem Tee. Die Ruhe wird nur vom leisen Dialog des Fernsehfilms durchbrochen. Dann setzt Opa die Tasse ab. Das leise Klirren und sein tiefes, schweres Seufzen lassen dich stutzen. Irgendetwas stimmt nicht.

„Mir ist letztens etwas richtig Dummes passiert“, sagt er schließlich und runzelt die Stirn. Seine Hände sind unruhig. Dein Herz macht einen kleinen Sprung. Das klingt nicht nach einer Kleinigkeit.
„Ich habe 5000 Euro verloren.“

Du schluckst. 5000 Euro sind viel Geld, doch was dich mehr trifft, ist die Trauer in seiner Stimme. Bevor du ein Wort des Trostes finden kannst, fährt er fort: „Und weißt du, was das Schlimmste ist? Alle sagen mir, ich hätte es besser wissen müssen. Dass ich selbst schuld sei, weil ich zu naiv war.“

Da merkst du es. Es geht nicht nur ums Geld. Es geht um Schuldzuweisungen. Um die Annahme, die viele Menschen automatisch anwenden. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss jemand daran schuld sein. Oft das Opfer selbst. Dein Opa wurde betrogen, doch trotzdem tun alle so, als hätte er den Fehler gemacht.

Dieser Impuls, die Verantwortung beim Opfer zu suchen, ist kein Einzelfall. Wir wollen glauben, dass die Welt gerecht ist. Dass schlechte Dinge nur denen passieren, die einen Fehler gemacht haben. Dass Ungerechtigkeit eine Ausnahme ist, die sich durch das richtige Verhalten vermeiden lässt. Aber diese Überzeugung kann gefährlich sein. Sie schützt Täter und verschiebt Schuld auf Opfer. Und sie verletzt Menschen, die ohnehin schon leiden.

Das Bedürfnis nach Kontrolle

Die Welt muss eine Ordnung haben, damit wir uns in ihr zurechtfinden. Die Vorstellung, dass auf jede Handlung eine gerechte Konsequenz folgt, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Der Sozialpsychologe Melvin Lerner untersuchte bereits in den 1960ern, warum Menschen Opfer für ihr eigenes Leid verantwortlich machen und prägte dafür den Begriff des „Gerechte-Welt-Glaubens“. Im Kern: Gute Dinge geschehen guten Menschen, Schlechte Dinge schlechten Menschen.

„Ohne den Glauben an eine gerechte Welt würde das Leben sinnlos erscheinen“, so Lerner. Dieses Bedürfnis nach Ordnung ist für uns also fast eine psychologische Notwendigkeit.

Die deutsche Psychologin Claudia Dalbert beschreibt den Glauben an eine gerechte Welt als psychisches Immunsystem. Er stabilisiere unser Selbstwertgefühl und helfe uns, mit Bedrohungen umzugehen.

Täter-Opfer-Umkehr

„When observers see an innocent person suffer, and are unable to help, their sympathy for the victim tends to erode. The more the victim suffered, the lower their opinion of her became.“ Mlodinow, 2008

Wenn nun etwas furchtbar Ungerechtes passiert, gerät dieses Weltbild ins Wanken. Die Vorstellung, dass so etwas jederzeit auch mir oder meinen Liebsten passieren könnte, verursacht Angst. Unser Gehirn sucht nach einer schnellen Lösung, um dieses Bedrohungsgefühl abzuwehren.

Dabei geschieht ein fataler Fehler. Wenn wir glauben, dass die Welt gerecht ist, suchen wir oft die Schuld bei denjenigen, denen Unrecht widerfährt. Statt die Tat und den Täter als das Problem zu sehen, wird das Opfer zum Problem erklärt.

Ein Beispiel, das leider immer wieder vorkommt: Wenn eine Frau von sexualisierter Gewalt erzählt, hört sie oft Kommentare wie „Was hattest du an?“ oder „Warum warst du so spät noch draußen?“, die ihr die Schuld zuschreiben. Ich nenne diese Art von Kommentar bewusst nicht „Frage“, weil es keine echten Fragen sind. Es sind abfällige Schuldzuweisungen.

Die Logik hinter diesen Reaktionen? Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass Ungerechtigkeit einfach passieren kann. Deshalb verschiebt unser Denken die Verantwortung auf das Opfer. Täter werden geschützt und Opfer zusätzlich verletzt. Auch wenn Menschen so denken, ohne es bewusst zu merken, stützt ihr Urteil die Idee einer gerechten Welt. Wenn jemand geschädigt wird, muss er oder sie etwas falsch gemacht haben, sonst wäre die Welt nicht gerecht. Die Ironie hinter diesem Glauben ist, dass das ungerechte Urteil die Welt noch ungerechter macht als sie ohnehin schon ist.

Dieses Denken zieht sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Es passiert nicht nur bei Gewalt oder Betrug, sondern auch bei Mobbing, Krankheiten, finanziellen Problemen oder anderen Formen von Ungerechtigkeit. Der Glaube an eine gerechte Welt sorgt dafür, dass wir an unserer Sicherheit festhalten, aber auf Kosten der Menschen, die ohnehin schon leiden.

Die Folgen des Glaubens an eine gerechte Welt

Die Reaktionen, die aus dem Glauben an eine gerechte Welt entspringen, haben tragische Folgen für die Opfer. Sie treffen Menschen in einer ohnehin schon ausweglosen und verletzlichen Situation und fügen ihnen eine zweite Verletzung zu.

Sekundäre Viktimisierung: Die Schuldzuweisungen und zweifelnden Fragen aus dem persönlichen Umfeld oder der Gesellschaft werden zu einer zweiten Opfererfahrung. Das Opfer wird ein zweites Mal geschädigt, nicht durch das ursprüngliche Ereignis, sondern die Reaktionen, von denen es sich Unterstützung erhofft. Victim Blaming isoliert die Opfer und zerstört das Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen.

Die konstante Suche nach einem Fehlverhalten beim Opfer führt dazu, dass dieses die Vorwürfe verinnerlicht. Es beginnt, an sich selbst zu zweifeln und sucht den Fehler bei sich. Diese Selbstbezichtigung lenkt von der eigentlichen Tat des Täters oder vor der Unvorhersehbarkeit des Schicksals (bei Krankheit) ab und erschwert die psychische Verarbeitung des Erlebten enorm.

Was geschieht mit einem Menschen, der auf seinen Mut zur Offenheit auf Ablehnung stößt? Schweigen. Viele Betroffene schweigen aus Angst vor diesen Schuldzuweisungen und dem gesellschaftlichen Stigma. Sie ziehen sich zurück, melden Straftaten nicht und suchen keine Hilfe. Das Schweigen hat schwerwiegende Folgen: es schützt letztlich Täter.

Täter verschwinden in der Anonymität. Opas Betrüger kann sein manipulierendes Spiel ungestört fortsetzen und findet vielleicht schon das nächste Opfer. Der Vergewaltiger, der nie zur Rechenschaft gezogen wurde, hat vielleicht schon jemanden im Visier, dem er dasselbe Leid zufügen wird.

Der vermeintliche Glaube an eine gerechte Welt ist das genaue Gegenteil von Gerechtigkeit. Es gefährdet uns alle. Indem wir die Schuld beim Opfer suchen, um unser eigenes Sicherheitsgefühl zu schützen, machen wir uns zum Komplizen der Täter. Wir schaffen die Voraussetzungen für Straffreiheit und lassen zu, dass sich Kriminelle ungehindert ausbreiten können.

Opfer zu unterstützen, schützt uns alle. Taten anzuzeigen, Verbrechen offenzulegen und über Betrugsmaschen aufzuklären, sind essentieller Teil der Gemeinschaft. Wenn wir Opfer zum Schweigen bringen, indem wir mit Schuldzuweisungen um uns werfen, schaden wir uns selbst.

Eine gerechte Welt unterstützt Opfer

Die Welt wird nie gerecht sein, doch wir können dazu beitragen, dass sie gerechter wird als sie es jetzt ist. Wenn wir Opfer unterstützen, verhindern wir eine weitere Verletzung. Für die Opfer und auch die Gesellschaft. Wir könnten eine starke, wehrhafte Gemeinschaft sein, die sich weigert, Tätern ein sicheres Versteck zu bieten. Eine, die dem Opfer eine Stimme gibt, statt es zum Schweigen zu bringen. Denn Tätern die Macht zu nehmen, ist der aktivste Beitrag zur Sicherheit aller.

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