Stell dir vor, du stehst vor deiner Geburt. Du hast alle Informationen über unsere Welt, ihre Kulturen, ihre sozialen Gefüge, ihre Ungerechtigkeiten und ihre schönen Seiten. Aber dir fehlt eine wesentliche Information: Wer wirst du sein? Du weißt nicht, in welches Land, in welche Familie, in welchen Körper du hineingeboren wirst. Du kennst nicht dein Geschlecht, deine Hautfarbe, deine sexuelle Orientierung, ob du mit einer Behinderung leben wirst oder ob deine Eltern in einem Villenviertel oder in einem Slum wohnen.
Wie würdest du die Welt, die du gleich betreten wirst, einrichten wollen? Welche Regeln würdest du aufstellen? Wie stellst du sicher, dass du sicher sein wirst? Dieses Gedankenexperiment, der sogenannte „Schleier des Nichtwissens“ des Philosophen John Rawls, zwingt uns zu einer gerechten Gesellschaftsordnung. Es geht nicht mehr darum, die Gesellschaft gut für dich selbst zu gestalten, sondern gut für uns alle.
Wir können uns nicht einfühlen, wenn wir es nicht selbst erleben
Unser Leben ist die Summe unserer eigenen, spezifischen Erfahrungen. Ein reicher, weißer, nicht-behinderter, heterosexueller Mann kann noch so empathisch sein, er wird die alltäglichen Mikroaggressionen, die eine schwarze Frau erfährt, niemals am eigenen Leib spüren. Er wird nie die Angst kennen, die eine trans Person verspürt, die auf der Straße angestarrt wird. Er wird niemals die frustrierende Hilflosigkeit erleben, weil der Bahnhof keinen Aufzug hat.
Unser Standpunkt ist auf unsere eigene Perspektive begrenzt. Wenn wir nicht wissen, wer wir sind, wird diese Begrenzung aufgehoben. Wir werden gezwungen, über den Tellerrand unseres privilegierten oder benachteiligten Daseins hinauszuschauen.
Frausein in einer neuen Welt
Das Risiko, benachteiligt zu werden, ist viel zu hoch, um die Welt dem Zufall zu überlassen. Wir würden ein System fordern, das für jede mögliche Version unseres neuen Selbst sicher und gerecht ist.

Für den Fall, dass wir eine Frau sind, würden wir nicht bloß um Gleichberechtigung bitten. Wir würden die Fundamente der patriarchalen Gesellschaft niederreißen, die uns überhaupt in diese Position der Bittenden drängt. Wir würden nicht um Respekt bitten, wir würden die Macht umverteilen. Wir würden ein System errichten, das weibliche Körper nicht kontrolliert, sondern ihnen Autonomie garantiert. Wir würden uneingeschränkten, kostenfreien Zugang zu Abtreibung und Verhütung für alle fordern, nicht als Gnade, sondern als Menschenrecht. Ein Recht, das nicht täglich von alten Männern in Parlamenten neu verhandelt wird, die niemals schwanger werden können.
Wir würden die ökonomische Abhängigkeit beenden. Lohnungerechtigkeiten wie den Gender Pay Gap per Gesetz schließen. Die unterbezahlten Care-Berufe, die traditionell und überwiegend von Frauen ausgeübt werden, würden radikal aufgewertet werden. Eine neue Rentenreform wird die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen nicht länger bestrafen.
Die Justiz würde Gewalt gegen Frauen nicht als Beziehungsdrama verharmlosen, sondern konsequent verfolgen und bestrafen. Es würde null Toleranz gegenüber sexueller Belästigung geben. Die Medienlandschaft würde nicht von männlichen Perspektiven dominiert und Frauen auf Klischees reduziert werden. Weibliche Wut würde nicht mehr als „hysterisch“ gelten und weiblicher Widerstand nicht mehr als „zickig“.
Warum all das? Weil niemand, absolut niemand, das Risiko eingehen würde, in einer Welt geboren zu werden, in der der eigene Körper von Gesetzen regiert wird, die man nicht mitbestimmt hat. In der die eigene Arbeit systematisch weniger wertgeschätzt und unterbezahlt wird. In der die eigene Sicherheit nicht garantiert ist. In der du weniger Wert bist, nur weil du eine Frau bist.
Diese Dinge wären die einzig logische Überlebensversicherung. Eine Überlebensversicherung, die Frauen in Afghanistan, Jemen, dem Sudan und vielen weiteren Teilen unserer Welt nicht haben.
Ein lebenswertes Leben für alle
Für den Fall, dass wir arm sind, würden wir ein robustes Sozialsystem etablieren, in der wir unsere Würde behalten und die uns nicht demütigt. Wir würden für gleiche Bildungschancen für alle Kinder kämpfen, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Wir würden den Mindestlohn an die Lebenshaltungskosten koppeln. Weil niemand freiwillig das Risiko eingeht, in Armut geboren zu werden, ohne ein Netz, das einen auffängt.
Sollten wir behindert sein, würden wir Universal Design zur Norm erheben. Jedes Gebäude, jede Website, jeder öffentliche Raum wäre von vornherein so konzipiert, dass alle Menschen ihn nutzen können. Und es würde nicht als teure Nachrüstung gelten, sondern als selbstverständlichen Standard. Warum? Weil niemand ausgeschlossen werden möchte.
Wenn wir als Person of Color geboren werden, müssten wir Institutionen so gestalten, dass sie nicht diskriminieren können. Der Polizei wäre das Konzept des Racial Profiling komplett fremd. Justiz und Bildungssysteme würden auf tief verwurzelte Vorurteile untersucht und komplett reformiert werden. Wir würden Vielfalt feiern, anstatt sie nur zu tolerieren.
„Aber es ist doch gar nicht alles so schlimm“
Es gäbe sicher auch Stimmen unter dem Schleier des Nichtwissens, die sagen, alles sei gut wie es ist und jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Aber würdest du, ohne zu wissen, ob du in reichen oder bitterarmen Verhältnissen geboren wirst, dieses Risiko wirklich eingehen? Würdest du dein Schicksal dem Zufall überlassen, in der Hoffnung, dass du dich aus menschenrechtsverletzenden Regierungen in die Freiheit kämpfen kannst?
Die rationale Entscheidung wäre es, eine Welt zu schaffen, die im schlimmstmöglichen Fall immer noch lebenswert ist. Eine Welt, die die Schwächsten und Ärmsten schützt, schützt uns alle.
Gerechtigkeit ist nicht das Gleiche wie Wohltätigkeit
Irgendwann werden wir geboren und finden uns in einer bestimmten Realität wieder. Manche haben Glück, andere nicht.
In diesem Gedankenexperiment geht es nicht darum, den Armen mit unseren privilegierten Mitteln zu helfen. Es geht darum, ein System zu erkennen, das wir, hätten wir die Wahl gehabt, selbst so gestaltet hätten, um uns selbst zu schützen. Der Kampf für Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit und Barrierefreiheit ist nicht altruistisch, es ist egoistisch. Es ist die Versicherung, dass wir, egal wer wir sind, sicher und in Würde leben können.
Wenn wir den Bürgergeldsatz erhöhen, helfen wir uns selbst. Wir sichern unser eigenes Auffangnetz. Wir nutzen die höheren Sätze für bessere Positionen beim nächsten Verhandlungsgespräch. Wenn wir Aufzüge bauen, tun wir das für unser Ich in der Zukunft, das möglicherweise auf Krücken angewiesen sein wird. Wenn wir Menschen aller Herkunft als gleichwertig betrachten, tragen wir zu einer Welt bei, in der wir frei reisen können, ohne Angst vor Diskriminierung haben zu müssen.
Was würdest du ändern?
Welche Welt würdest du entwerfen, wenn deine eigene Existenz auf dem Spiel stünde? Wenn du morgen als Frau in einem patriarchalen System aufwachst, als Mensch mit Behinderung in einer voller Barrieren, als Geflüchteter in einem Land voller Hass? Was hättest du dir heute gewünscht, das wir anders gemacht hätten? Was würdest du ändern? Und würdest du diese Welt noch fair nennen?

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.