Von der romantisierten Mutterschaft und der bestraften Mutter

Mutterschaft klingt wie ein Traum

Dass viele junge Frauen heutzutage auf Mutterschaft verzichten, ist überhaupt nicht nachvollziehbar. Eine Mutter hat schließlich den perfekten Start in den Tag. Das frühe Aufstehen um 4:30 Uhr ist doch ein absolutes Geschenk. Während alle anderen schlafen, kann die frisch gebackene Mutter die Stille genießen (oder das rhythmische Brüllen eines nimmersatten Säuglings). Diese verlässliche Weckfunktion kann dir das teuerste Spa nicht bieten. Während die Mutter also (un)sanft auf Betriebstemperatur fährt, verbringt die kinderlose Frau den frühen Morgen schlafend im heimischen Bett. So ein Faulpelz.

Zeit für Fitness und Sport bleibt zwar nicht, aber dafür trainiert Babygeschrei die Stresstoleranz auf Wettbewerbsniveau. Und das ständige Tragen, Bücken und Hinterherrennen ist doch ohnehin das bessere Fitnessstudio. Wer braucht schon Yoga und Pilates?

Ach ja, die Karriere bleibt zwar auf der Strecke, aber ist es nicht herrlich, wenn dir der Arbeitsmarkt endlich die Augen öffnet und den wahren Platz im Leben zeigt? Wozu denn beruflich aufsteigen, wenn Frau anstelle einer Gehaltserhöhung mit einer Erhöhung des Wäscheberges, des Geschirrstapels und der täglichen To-Do’s bereichert wird? Putzen ist doch ohnehin das beste Hobby.

Wie bitte? Die Großeltern, die vor der Geburt all ihre Unterstützung angeboten haben, sind seit Wochen zu beschäftigt, um vorbeizuschauen? Die einzige Kita im Umkreis von 10 Kilometern ist bis 2035 ausgelastet und der Vater des Kindes kann nun doch nicht in Elternzeit, weil auf der Arbeit so viel zu tun ist? Umso besser! Welche Frau geht denn auch gerne allein auf Toilette oder duscht ausgiebig? Frau spart nicht bloß Wasser, sondern auch Me-Time. Denn seien wir mal ehrlich, wer ist denn schon gerne allein? Die armen Kinderlosen, die im Badezimmer ewig brauchen und dabei vereinsamen.

Vorstellungsgespräche sind auch viel spaßiger! Arbeitgeber stellen plötzlich subtile, aber bestimmte Fragen nach der Kinderbetreuung und zeigen damit, wie sehr sie sich für das Privatleben von Müttern interessieren! Und dass sie kinderlosen Frauen (oder Vätern) den Vortritt bei der Beförderung überlassen, ist ganz uneigennützig. Denn schließlich soll die Mutter sich ja auf der Arbeit nicht überfordern.

Väter sind doch Helden!

Die Gesellschaft liebt doch Mütter. Ständig gibt es Ratschläge zur Kindererziehung und Bewertungen, nach denen Frau nicht einmal fragen muss! Es wird ihr Arbeit abgenommen (die Art, die sie finanziert) und an anderer Stelle wieder aufgeladen (die Art, die sie nicht finanziert), damit Müttern bloß nicht langweilig wird. Und was ist das beste an einer Mutter? Natürlich der Ehemann, der aufopferungsvoll 40 Minuten seines Samstagmittags hergibt, um mit dem Kleinen auf den Spielplatz zu gehen. Was ein guter Vater! Bleibt der Mutter mehr Zeit zum Kochen, Spülen und Putzen! Schließlich soll der ausgelastete Vater sich doch wohlfühlen, wenn er von den Strapazen der Kinderbespaßung müde auf die Couch fällt.

Väter genießen einfach das Vaterschafts-Premium. Die Messlatte für Väter reicht erstaunlich tief. Anerkennung gibt es bereits dafür, das eigene Kind zur Kita zu fahren oder sein eigenes Abendessen zu kochen. Auch im Beruf genießen Väter Vorteile. Schließlich zeigt die Vaterschaft ja Verantwortungsbewusstsein, Stabilität und eine Versorgerrolle. Das muss unbedingt mit einem höheren Gehalt entlohnt werden. Klingt doch bloß fair. Denn was sind Männer, die ein Kind gezeugt haben, denn sonst, wenn nicht waschechte Helden? Mütter können sich doch einfach nur glücklich schätzen, einen Helden an ihrer Seite zu haben.

Die Mutterschaftslüge

Mutterschaft gibt Frauen doch alles. Alles außer soziale Anerkennung, Unterstützung, Freizeit, finanzielle Stabilität, Schlaf oder Gesundheit. Mutterschaft gibt Frauen dafür vor allem eines: eine Strafe. Eine wachsende Ungerechtigkeit, die ihr schrittweise die berufliche Perspektive nimmt, während ihr gleichzeitig eingeredet wird, sie solle für die Benachteiligung gefälligst dankbar sein. Mutterschaft ist das perfekte System, das unbezahlte Care Arbeit als weibliche Naturgegebenheit romantisiert, um Frauen verlässlich von Führungsetagen fernzuhalten, in die Teilzeit zu drängen und am Ende mit einer saftigen Rentenlücke zu belohnen.

Ja, Mutterschaft klingt wie ein Traum. Wie ein Albtraum. Was Frauen in dieser Gesellschaft brauchen, sind nicht mehr Kinder in einem ungerechten System, sondern ein radikales gesellschaftliches Umdenken. Weg von der zynischen Romantisierung der Mutterrolle und hin zu echter struktureller Gleichstellung. Und damit ist nicht gemeint, dass Frauen keine Kinder mehr bekommen sollen (es sei denn, sie wollen keine), sondern dass wir aufhören müssen, Frauen die Mutterschaft als erfüllenden Traum zu verkaufen, während wir ihnen verschweigen, dass sie dafür in unserer Gesellschaft noch immer einen erheblichen Preis zahlen.

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