Wir waren nie dazu bestimmt, unser eigenes Gesicht zu sehen

Wir sind die einzigen Wesen, die ihr Gesicht ständig betrachten. Wir gehören sogar zur ersten Generation, die sich selbst öfter sieht als alle anderen Menschen zusammen. Und das wird uns leicht gemacht. Spiegel, Handykameras, unser Gesicht ist überall. Dabei waren Menschen nie dazu bestimmt, ihr eigenes Gesicht überhaupt zu sehen.

Der Spiegel formt kein Selbstbild

Aus soziologischer Sicht ist Identität ein soziales Konstrukt. Wer wir sind, erfahren wir nicht durch die Frontkamera unseres Handys. Wir erfahren es durch andere Menschen. Schon George Herbert Mead hat gezeigt, dass das Selbst erst durch soziale Interaktion entsteht. Wir lernen, wie wir wirken, weil andere uns Rückmeldung geben. Unser Spiegelbild ist daher nie neutral. Es ist immer an der Frage geknüpft, wie andere uns wahrnehmen. Wir sehen also nicht nur uns selbst, wenn wir unser Spiegelbild ansehen. Wir sehen uns vor allem durch die Augen der gesellschaftlichen Erwartungen. Doch welche Erwartungen sind das eigentlich?

Das Konstrukt der Schönheit

Wir betrachten uns im Spiegel, aber was suchen wir da eigentlich? Oft sind es nicht unsere eigenen Maßstäbe, die wir anlegen, sondern die unausgesprochenen Regeln von Schönheit, Jugend und Attraktivität, die uns die Gesellschaft diktiert. Unser Selbstbild ist fest verknotet mit kulturellen Idealen, die hartnäckig unser Leben lenken.

Das Tückische daran: Schönheit ist kein Maßstab, sondern nur ein Konstrukt. Was in den 2000ern als schön galt, ist heute bereits veraltet. Wer heute als attraktiv gilt, kann morgen schon nicht mehr im Trend sein. Unsere Gesichtszüge, unsere Körper, unsere Frisuren – alles wird je nach Zeitgeist und Kultur anders bewertet. Das Einzige, was immer bleibt, ist dieses tiefe Bedürfnis, als schön zu gelten. Und dieses Bedürfnis hat einen sehr konkreten Grund.

In unserer Welt ist Schönheit eine Währung. Sie ist eng verknüpft mit sozialen Chancen. Es geht nicht nur um Komplimente, sondern um Karrierevorteile und Zugang. Ein gutes Aussehen signalisiert: Ich erfülle die Erwartungen. Wer den Idealen entspricht, profitiert. Doch besonders für Frauen ist das mehr als nur ein Bonus, es wird oft zur Voraussetzung für Anerkennung. Während Männer von Attraktivität profitieren, werden Frauen an ihr gemessen.

Deshalb fällt es uns so schwer, uns damit abzufinden, nicht der Norm zu entsprechen. Als unschön oder gar hässlich abgestempelt zu werden, ist keine neutrale Beschreibung. Es fühlt sich an wie ein Akt des Widerstands gegen die Norm. Es bedeutet, weniger respektiert, weniger beachtet, im schlimmsten Fall sogar weniger geliebt zu werden. Und manchmal führt es direkt in die soziale Isolation.

Das Gesicht wird zur Bühne

Mit der Verbreitung von Spiegeln in der Frühen Neuzeit konnte man erstmals gesellschaftliche Erwartungen ablesen. Früher war das eigene Gesicht bloß das verschwommene, abstrakte Bild, das auf stillen Wasseroberflächen erschien. Identität war nicht visuell, sondern entstand durch soziale Nähe zur Familie und der Gemeinschaft. Heute hingegen ist das Selbstbild visuell omnipräsent. Durch Social Media sehen wir täglich tausende Gesichter, die wir bewerten und an denen wir uns messen. Und das eigene Gesicht wird fast schon zum sozialen Projekt.

Wenn wir sagen, Menschen seien nie dazu bestimmt gewesen, ihr eigenes Gesicht zu sehen, steckt dahinter, dass unser Gesicht kein Zustand mehr ist, mit dem wir uns einfach abfinden. Das eigene Gesicht wird zum sozialen Spiegel, der uns daran erinnert, dass die eigene Identität nicht unsere private Angelegenheit ist, sondern immer gesellschaftlich geprägt wird.

Es ist nicht immer gut, ständig sein eigenes Gesicht zu sehen

Vielleicht war es leichter, als man sein Gesicht kaum kannte. Als man sich nur abstrakt auf glatten Oberflächen sah, konnte man sich selbst nicht permanent mit seiner äußeren Form identifizieren. Das Selbst war nicht das eigene Spiegelbild.

Die permanente Sichtbarkeit verändert uns und unser Verhältnis zu uns selbst. Wir können uns nun vergleichen, bewerten, korrigieren. Es wird sogar von uns erwartet. Indem wir unser Gesicht immer vor Augen haben, laufen wir Gefahr, uns von uns selbst zu entfremden. Stück für Stück entfernen wir uns von dem, was wir sind, weil wir uns ständig als Objekt sehen, statt als Subjekt zu leben.

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