Acht Millionen Menschen in Deutschland. Jede zehnte Person. In den USA fast jede fünfte und weltweit 1,3 Milliarden. Aber wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich kaum welche. Vielleicht ein Rollstuhl im Bus, alle paar Wochen. Vielleicht eine Person mit optischen Auffälligkeiten. Das war’s. Wo sind die anderen?
Wann ist Ihnen zuletzt eine behinderte Person im Club oder Restaurant begegnet? Oder gar auf der Arbeit? Bei acht Millionen Menschen in Deutschland müssten wir doch eigentlich umgeben von ihnen sein. Womöglich sind sogar Sie selbst behindert – doch andere nehmen Sie nicht so wahr.
Unsichtbare Behinderungen
Dass wir Behinderungen nicht immer wahrnehmen, liegt unter anderem daran, dass die meisten unsichtbar sind. Chronische Krankheiten wie Endometriose oder psychische Erkrankungen, unsichtbare Erkrankungen wie ein verletztes Knie. Nicht jede Behinderung ist mit dem Auge sichtbar. Schätzungen gehen sogar davon aus, dass die allermeisten nicht wahrnehmbar sind, bis zu 85 Prozent.
Aber selbst die sichtbaren Behinderungen werden unsichtbar gemacht. Weil Barrieren da sind. Fehlende Aufzüge, fehlende Arbeitsplätze, Ausgrenzungen. Der öffentliche Raum stellt eine besondere Hürde da. Sowohl für sichtbar Behinderte als auch für unsichtbar Behinderte. Doch wie werden unsichtbar Behinderte eingeschränkt? Nehmen wir einmal das Beispiel der Endometriose.
Zu jung und fit, um behindert zu sein?
Stellen Sie sich vor, Sie sind eine junge, fitte Frau, Anfang 20. Sie steigen in einen vollen Zug und sind gerade auf dem 30-minütigen Weg zur Arbeit. Und dann passiert es. Krämpfe so stark, dass sie mit Wehen verglichen werden, strömen durch Ihren Unterleib. Sie müssen sich setzen, doch niemand sieht ihr Leid oder Ihre Not. Also steht niemand für Sie auf. Oder bietet Ihnen Hilfe an. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig als die Zähne zusammenzubeißen und zu hoffen, dass an der nächsten Station jemand aussteigt, auf dessen Platz Sie sich setzen können, um nicht vor Schmerz zusammenzubrechen.
Solche Situationen sind für viele junge Frauen mit Endometriose Alltag. Und wenn Sie sich jetzt denken, Endometriose sei selten, irren Sie. Jede achte Frau ist betroffen. Durch mangelhafte Diagnostik vielleicht sogar noch mehr. Trotzdem folgt meist Unverständnis, wenn sie selbst ihren Sitzplatz nicht hergeben möchte. Denn ihre Behinderung ist unsichtbar. Die Jugend von heute hat einfach keinen Respekt vorm Alter, hört man, wenn man sitzen bleibt. Dabei vergessen viele, dass Behinderungen in jeder Form, in jedem Alter existieren können.
Doch wenn so viele unter einer unsichtbaren Behinderung leiden, wo bleibt dann die Repräsentation? Nicht nur im Alltag sind Behinderungen unsichtbar, sie sind es auch in den Medien und ganz besonders in Hollywood.
Wie Hollywood Behinderungen ignoriert
Hollywood ist Vieles. Eine Welt der Reichen und Schönen. Eine Welt der Skandale, Unterhaltung und Trends. Doch, obwohl sie es vorgibt zu sein, ist sie eines nicht: eine Welt der Vielfalt.
Gerade einmal 1 – 2 Prozent der erfolgreichsten Hollywood-Filme der vergangenen Jahre zeigten eine Person mit Behinderung. Der Anteil der Sprechrollen von behinderten Charakteren machten 2017 nur 2,7 Prozent aus. 2022 waren es laut aktuellen Berichten nur 1,9 Prozent. Statt Fortschritt also Rückgang.
Cripping Up
Dass die Darstellungen von Behinderungen dabei auch meist eher Stereotypen bedienen und nicht der Realität entsprechen, macht es nicht besser. Genauso wie die Tatsache, dass 95 Prozent der behinderten Rollen von nicht-behinderten Schauspielerinnen und Schauspielern gespielt werden. Dies erschwert nicht nur reale Repräsentation, sondern führt auch zu fehlender Authentizität. Und diese Praxis hat einen Namen: Cripping Up.
Cripping Up ist nicht nur ein Casting-Problem, sondern ein gesellschaftliches und zeigt, wie echte Stimmen in den Medien unsichtbar bleiben. Sie machen unsichtbare Menschen noch unsichtbarer. Sie zeigen eine Version von Behinderungen, die kaum jemand wirklich lebt und verstärken Stereotype. Der Schaden, der dadurch entsteht, ist immens. Denn wie soll sich etwas ändern, wenn alle glauben, sie wüssten, wie das Leben behinderter Menschen aussieht? Und dabei völlig falsch liegen?
Unsichtbar, aber überall
Behinderte Menschen sind nicht verschwunden. Sie sind nur an Orte gedrängt, an denen man sie kaum wahrnimmt: in Lebensbereichen, die uns verborgen bleiben, in Rollen, die selten besetzt werden, hinter Menschenmassen in vollen Wagons. Ihre Präsenz ist da, doch wir nehmen sie nicht wahr. Solange das so bleibt, bleibt ihre Stimme ungehört.
Ach ja. Wenn Sie das nächste Mal jemanden sehen, der fit aussieht, vergessen Sie nie, dass das Aussehen nichts zu sagen hat.
