Ein Satz, der mir seit Monaten nicht aus dem Kopf geht, ist folgender: „Wir haben bereits eine weibliche Zauberin, wir haben keinen Platz für Sie“.
So oder so ähnlich wurde auf die Anfrage einer Zauberkünstlerin reagiert, die sich für die Teilnahme an einer Zaubershow beworben hatte. Die Kategorie „Frau“ war für die Betreibenden der Show bereits abgedeckt. Haken dran gesetzt und weiter geht’s. Dass die übrigen Zauberkünstler allesamt das gleiche Geschlecht hatten, war wohl kein Problem, schließlich waren diese – anders als unsere Zauberin – keine Frauen. Sie waren Männer. Um genau zu sein waren sie Kartenmagier, Münzmagier, Mentalmagier und was es nicht sonst so alles in der großen Welt der Zauberei gibt.
Und dann war da sie. Diese eine Magierin, die scheinbar nichts anderes war und nichts anderes sein sollte als die eine Frau. In der Reihe der Karten-, Münz-, und Mentalmagier reihte sie sich nahtlos ein als… ja was eigentlich? Das spielte gar keine Rolle. Sie war die Magierin. Sie war ihre eigene Kategorie. Definiert durch ihr Frausein, nicht durch ihr Können oder der Art der Show, die sie auf der Bühne aufführte.
Doch dass eine Frau auf ihr Geschlecht reduziert und sogar zur eigenen Kategorie erklärt wird, ist kein exklusives Problem der Zauberwelt. Dieses Prinzip lässt sich in unzählige Bereiche des Lebens und sogar in Comics, Zeichentrick, Serien und Filmen beobachten. In der Popkultur hat dieses Phänomen einen Namen: das Schlumpfine-Prinzip.
Das Schlumpfine-Prinzip ist schnell erklärt: Schlumpfine ist das „Weibliche“ in einer Riege an männlichen Charakteren. Während die anderen Schlümpfe von ihren Interessen und Persönlichkeiten gekennzeichnet werden, ist Schlumpfines einzige Eigenschaft ihr Geschlecht. Geprägt wurde der Begriff bereits 1991 von Katha Pollitt, einer Schriftstellerin, Aktivistin und Feministin.
Männlich ist die Norm, weiblich die Variation
Das „Männliche“ als Standard zieht sich durch alle Arten von Unterhaltungsformaten, angefangen von der Muppet-Show bis hin zu Star Wars. Weibliche Charaktere werden hierbei nicht nur durch ihr Geschlecht selbst definiert, meistens bedienen sie ebenso stereotypische Geschlechtermerkmale. Und das fast bis zur Karikatur.
Werfen wir doch einen Blick auf Miss Piggy aus der Muppet-Show. Lange Wimpern, meist rosa oder lila Kleider, viel Schmuck. Sie ist eitel und schnell beleidigt. Sehr klischeehaft, nicht wahr? Selbst ihre Handlungsbögen drehen sich häufig um ihre romantische Beziehung zu Kermit. Mit anderen Worten: Miss Piggy ist so tief wie eine Pfütze nach Nieselregen. Zumindest im Vergleich zu den männlichen Muppets, die ein Spektrum an Persönlichkeiten abdecken dürfen.
Star Wars hat mit Prinzessin Leia zwar eine komplexere Figur geschaffen, doch wenn man ehrlich ist, bedient man sich auch bei ihr an klassischen Geschlechtermerkmalen. Ihre Kostüme, insbesondere das „Slave Leia“-Outfit, entsprechen hochgradig dem male gaze (der Darstellung von Frauen aus Sicht eines heterosexuellen Mannes) und auch ihr Handlungsbogen reiht sich in die Tradition ein, dass die einzige Hauptfrau oft einen Love Interest hat. Aber zugegeben: Sie zeigt Führungsqualitäten in ihrer Rolle als Senatorin und widersetzt sich Ungerechtigkeiten. Sie ist quasi die Schlumpfine der Rebellion.
Doch nun zurück in die reale Welt. Obwohl Frauen im echten Leben nicht viel mit den Zeichnungen aus männlich dominierten Geschichten zu tun haben, werden diese oft dennoch so behandelt – als Ausnahme von der Regel, oder anders ausgedrückt, als Sonderfall. Oder haben Sie schonmal ein weibliches Anatomiemodell auf dem Cover eines Medizinbuches gesehen?
Mehr Vielfalt statt Einfalt
Vielfalt bedeutet nicht, eine einzelne Frau zwischen Männerfiguren zu setzen und sie möglichst „weiblich“ zu inszenieren. Vielfalt bedeutet, Frauen und überhaupt alle marginalisierten Gruppen als komplexe und unterschiedliche Menschen zu zeigen. Wieso fangen wir nicht an, die Frage zu stellen „was hat sie zu bieten?“ statt danach zu fragen, ob sie durch ihre Existenz bereits eine Kategorie ausfüllt? Denn erst wenn wir ihre Vielschichtigkeit anerkennen, verschwinden die Schlumpfinen, die Miss Piggys und die einsamen Zauberinnen nicht aus unseren Erzählungen, sondern sie bekommen endlich Gesellschaft.
